60 Jahre BPC

60. Geburtstag des Presse Clubs
in der Archenhold-Sternwarte

26.04.2012

Der Berliner Presse Club begrüßte aus Anlass des sechzigjährigen Bestehens seine Gäste im Einstein-Saal der Archenhold-Sternwarte im Treptower Park. Die Festrede hielt Prof. Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages. (Bitte rechts auf das Bild klicken!)

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Rede Norbert Lammert
Rede Norbert Lammert
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

im Jahr 1952 bot die Sowjetunion in der berühmt berüchtigten Stalin-Note Konrad Adenauer und der Bundesrepublik Deutschland die Wiedervereinigung des geteilten Landes unter der Bedingung der Neutralität an. 1952 wurde Königin Elisabeth Queen eines stolzen, an Kraft allmählich einbüßenden Empires; als kleines Indiz dafür mag auch gelten, dass im gleichen Jahr die Briten Helgoland an Deutschland zurückgaben. 1952 wurde Baden-Württemberg gegründet, es wurden die ersten Zebrastreifen in Deutschland eingeführt, und die Bild-Zeitung erschien zum ersten Mal. Fast zeitgleich wurden die offiziellen Fernsehsendungen vom Nordwestdeutschen Rundfunk regelmäßig aufgenommen, und der Berliner Presseclub wurde gegründet. Die Bedeutung der Ereignisse entspricht etwa der Reihenfolge, in der ich sie vorgetragen habe, auch deswegen darf ich mich für die Einladung besonders herzlich bedanken, insbesondere für die liebenswürdige Begründung, mit der die Entscheidung für die Auswahl des Festredners gerade noch einmal dargelegt wurde. Nun haben wir ja, Herr Direktor, aus guten Gründen nicht nur auf die Bedeutung dieser Einrichtung, sondern auf die besondere Aura dieses Saals hingewiesen, die eigentlich jeden, der seitdem auf das Podium tritt, von vornherein mit einem mindestens leichten Schauern belasten sollte. Ich wäre nicht vollständig verblüfft, wenn es zeitgenössische Quellen gäbe, die uns darüber informierten, dass die meisten Besucher der damaligen Vorlesung von Albert Einstein nicht wirklich verstanden haben, was er vorgetragen hat, sie gleichwohl aber in der festen Überzeugung die Veranstaltung verlassen haben, etwas Bedeutendes gehört zu haben. Bei den meisten Festreden ist es umgekehrt. Immerhin gehört es zu den relativ sicheren Sozialtheorien, dass jedenfalls in Deutschland ein Festakt ohne Festrede als unvollständig gilt. Deswegen muss es partout sein, auch wenn man sich relativ sicher einmal mehr der Erfahrung aussetzt, am Ende ziemlich genau verstanden zu haben, was gesagt wurde, ohne auch nur zu irgendeinem Zeitpunkt der Veranstaltung den Eindruck gewonnen zu haben, einem bedeutenden Ereignis beizuwohnen. Weil das so ist, mag ich die festlichen Festreden am wenigsten, denn sie schmücken bestenfalls das Ereignis, bleiben aber sicher folgenlos, während mir die kritischen oder auch selbstkritischen in der Regel besser gefallen, weil sie hoffentlich mindestens den Streit lohnen, der von Zeit zu Zeit unvermeidlich ist und demokratische Systeme geradezu ausmacht. Deswegen will ich unter der Fülle denkbarer Aspekte, unter denen man aus Anlass des 60. Geburtstages eines Presseclubs, über den wir im Allgemeinen reden könnten und über Politik und Medien im Besonderen, nur zwei Aspekte herausgreifen. Nämlich einmal die natürlich allen geläufigen großen Veränderungen in unserer Medienlandschaft, unter dem Gesichtspunkt, ob und was das eigentlich für das Informationsniveau und für das Urteilsvermögen unserer Gesellschaft bedeutet, und zum anderen das immer wieder unerschöpfliche, schöne, delikate Thema des Verhältnisses von Politikern zu Journalisten und umgekehrt, bei dem ich auch nicht sicher bin, ob es sich für Festreden eignet. Aber nach meinen Erläuterungen zu Funktion und Bedeutung derselben mag es für diesen Anlass taugen. Beginnen möchte ich mit zwei Zitaten, die eine Bemerkung aufgreifen, die Frau Fischer gerade in ihrer Begrüßung gemacht hat, im Zusammenhang mit den journalistischen Vibrationen, die mit der Wiederherstellung der Deutschen Einheit und der Verlagerung des Sitzes der Verfassungsorgane verbunden sind. Seit der Zeit wird ja immer mal wieder - mal mehr, mal weniger ernsthaft - über die Mutation von der Bonner Republik zur Berliner Republik spekuliert, ob es eine solche überhaupt gibt und was sie denn intern ausmache. Ich will zwei journalistische Bemerkungen zur Berliner Republik an den Beginn meiner Anmerkungen zu den angesprochenen Aspekten stellen, weil sie sehr pointierte Beobachtungen sind, die man nicht teilen muss, die aber ganz sicher den Streit lohnen. Das erste Zitat ist von Tissy Bruns, die ich aus gegebenem Anlass von hier besonders herzlich grüßen möchte und die vor nicht allzu langer Zeit in ihrem unter vielen Gesichtspunkten lesenswerten Buch „Die Republik der Wichtigtuer“ geschrieben hat: „Berlin-Mitte ist zu einer Bühne von Politik und Medien geworden, die von der Lebenswirklichkeit der Bürger weiter entfernt ist als das legendäre Raumschiff Bonn. […] Berlin-Mitte ist das Zentrum des politikverdrossenen Deutschland. Politiker und Medien beleuchten und beklatschen sich auf dieser Bühne gegenseitig, als Darsteller, Publikum und Kritiker. Von den Bürgern werden sie als eine selbstbezogene Kaste wahrgenommen, die in einem Boot sitzt, durch eine gleichartige Lebensweise verbunden, auf der sicheren Seite und jenseits der Risiken, die sie in Ausübung ihrer öffentlichen Macht den Bürgern zumuten.“ Und Klaus Harpprecht, einer der großen Gestalten des deutschen politischen Journalismus, Theodor-Wolff-Preisträger des vergangenen Jahres, schreibt bündig über den Politikjournalismus in und aus Berlin: „An Qualität hat der deutsche Journalismus sicher nicht durch den Umzug von Bonn nach Berlin gewonnen. […] Tatsächlich ist die Glasglocke nur größer geworden.“ Ich widerstehe tapfer der Versuchung, jetzt gleich in eine Interpretation dieser beiden Befunde einzutreten, sie nach allen möglichen Seiten zu beleuchten, zu relativieren und im Ende grandios zu bestätigen, sondern ich will ohne jeden Übergang zu den beiden Aspekten einige Bemerkungen machen, die ich Ihnen zu Beginn angekündigt habe, nämlich der Frage, ob und welche Folgen die offensichtliche Veränderung der Medienlandschaft auf das Informationsniveau und Urteilsvermögen unserer Gesellschaft hat und ob und welche nicht nur aufschlussreichen, sondern vielleicht auch in der Sache bemerkenswerten Verbindungen es zwischen Politikern und Journalisten gibt. Veränderungen der Medienlandschaft haben in den letzten Jahren nicht zum ersten Mal in der Mediengeschichte stattgefunden, vermutlich auch nicht zum letzten Mal. Dass die Veränderungen, mit denen wir jetzt gegenwärtig, seit geraumer Zeit und für die überschaubare Zukunft zu tun haben, zu den relevanten Veränderungen jedenfalls der jüngeren Vergangenheit gehören, daran besteht, soweit ich das sehe, kein ernsthafter Zweifel. Mit der Digitalisierung von Daten und der Etablierung des Internets als dem dominierenden Informations- und Unterhaltungsmedium zugleich, haben sich die Konditionen der Medien, nicht nur nach meinem Eindruck, grundlegend verändert. Das hat Proportionen in vielerlei Weise verschoben. Das gilt nicht nur für das Angebot der Medien, sondern auch für die Nachfrage nach Medien. Das hat für diejenigen, die diese Medien bedienen und diejenigen, die sie nutzen, durchaus handfeste Wirkungen und nach meinem Eindruck spricht eben vieles für den Befund, dass es über diese unmittelbaren Wirkungen hinaus auch Folgen für das Informationsniveau und das Urteilsvermögen unserer Gesellschaft hat. Ich will in diesem Zusammenhang mit dem statistischen Hinweis beginnen, dass wir inzwischen eine Internetnutzung in Deutschland haben, die die 
80-Prozentmarke überschritten hat. Dass ist eine bemerkenswerte Durchdringungsquote auch und gerade im Vergleich zu anderen Medien, auch im Zeitvergleich: Von den vier Fünfteln der in diesem Land lebenden Menschen, die überhaupt das Internet nutzen, machen inzwischen gut 60 Prozent täglich von diesem Medium und seinen Informations- und Unterhaltungsmöglichkeiten Gebrauch. Dass wir uns dabei in einer dynamischen Entwicklung auf einer nach oben offenen Richterskala bewegen, ist nicht weiter erläuterungsbedürftig. Die tägliche Internetnutzungsdauer eines Erwachsenen ist in den letzten zehn Jahren von durchschnittlich 30 Minuten auf jetzt 95 Minuten pro Tag mehr als verdreifacht worden. Ich muss den hier Print-Journalisten nicht erklären und lasse es deswegen auch, um nicht ausgerechnet im Rahmen einer Festrede Depressionen zu erzeugen, dass sich ähnliche dynamische Entwicklungen für die durchschnittliche Lesezeit mit Blick auf andere Medien nicht annähernd beobachten lassen. Nun gilt wie für alle anderen Durchschnitte auch für diesen: Sie sind der statistische Durchschnitt der einzelnen, höchst unterschiedlichen Befunden, das heißt, wir alle wissen und kennen auch Leute, die wesentlich weniger, aber eben auch andere, die wesentlich mehr Zeit in die Nutzung dieser jeweiligen Medien investieren. Dabei ist keineswegs, schon gar nicht gesellschaftlich und damit auch gesellschaftspolitisch irrelevant, dass es signifikant unterschiedliche Nutzerprofile mit Blick auf die Altersgruppen gibt. Das heißt, wir können und sollten mal alle getrost davon ausgehen, dass mit mehr nachwachsenden Generationen, die in Zukunft diese Gesellschaft in vielerlei Weise prägen werden, auch ein gründlich verändertes Mediennutzungsverhalten verbunden ist. Dass sich die verschobenen Proportionen, die ich als fotografische Aufmachung vorweggestellt habe, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch einmal weiter verschieben werden. Die Folgen für das Informationsniveau und für das Urteilsvermögen einer Gesellschaft sind möglicherweise im Zusammenhang mit der Veränderung der Medienlandschaft, über die wir hier reden, größer, als das mit früheren Veränderungen der Medienlandschaft verbunden gewesen ist und zwar deswegen, weil wir in diesen unterschiedlichen Formen der Mediennutzung auch ganz unterschiedliche Formen der Intentionen im Umgang mit Medien haben. Wer das Internet als seine Quelle für das Beschaffen von Informationen nutzt, ausschließlich oder vorrangig, wird einen prinzipiell anderen Zugang zu Informationen haben als beispielsweise der klassische Zeitungsleser oder der klassische Zeitschriftenleser. Der Nutzer des Internets nutzt das Medium, um sich Dingen zu widmen, von denen er weiß oder wissen zu glaubt, dass er daran interessiert ist. Er sucht und findet mit den Stichworten eine in zunehmendem Maße gigantische Zahl von Fundstellen, die nach bestimmten, eher quantitativ für relevant gehaltenen Kriterien für ihn sortiert werden, mit denen er dann sein vorgegebenes Informations- bzw. Unterhaltungsbedürfnis befriedigt. Um den besonderen Charakter einer Festrede mindestens an dieser Stelle zu wahren, erspare ich Ihnen den Hinweis, zu welcher Art von Information die Recherche im Internet am häufigsten ist. Der typische Leser einer Tageszeitung oder überhaupt von Printmedien nutzt das Medium in der Erwartung, mindestens in der akzeptierten Vermutung, mit Informationen konfrontiert zu werden, die andere für wichtig halten. Mir kommt es jetzt gar nicht darauf an, das eine für besser zu erklären als das andere. Ich finde auch die Frage eher nachrangig und eigentlich ja auch etwas selbstbeantwortend, ob das eine anachronistisch und das andere modern ist. Mir reicht der Hinweis völlig aus, dass es nicht dasselbe ist. Ich bekomme nicht nur andere Informationen, wenn ich sie auf dem geschilderten Wege über das Internet akkumuliere oder ob ich eine Zeitung lese, sondern ich werde im Ergebnis mit einem ganz anderen Set von Daten und Informationen und deren Aufarbeitung und deren tatsächlicher oder vermeintlicher Priorität ausgestattet, was sowohl mein subjektives Informationsniveau beeinflusst als auch in der Multiplizierung dieses gesellschaftlich veränderten Nutzerverhaltens im Ergebnis das Urteilsvermögen einer Gesellschaft ist. Ich glaube man tritt niemandem zu nahe, das ganze ausdrücklich nicht mit moralischen Be- oder Verurteilungen verbinden, ich will schlicht einen Eindruck wiedergeben, den ich mit Blick auf diese Art von Mediennutzung habe. Ich glaube man tritt auch keinem zu nahe, wenn man darauf hinweist, dass das Internet, da wo es sorgfältig ist, eher lexikalisch als analytisch ist. Während umgekehrt eine Zeitung, wenn sie sorgfältig arbeitet, eher analytisch als lexikalisch ihre Nutzer bedient. Noch einmal, ob man das eine oder das andere besser findet, ist im Augenblick eher unwichtig, dass es nicht dasselbe ist, hat prinzipielle Bedeutung, und von daher steht manches für die Vermutung, dass sich, wenn dieser Trend einer gründlich veränderten Mediennutzung voraussichtlich die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte prägen wird, dies nicht nur heftige kommerzielle Folgen hat. Das ist offenkundig. Dass es heftige medienpolitische Indikationen hat, davon kann heute, jedenfalls jeder, der Medien produziert, manche eindrucksvolle Lieder singen. Das hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch Folgen für das Informationsniveau und das politische Urteilsvermögen einer Gesellschaft. Der letzte Teil scheint mir noch nicht so sehr im regelmäßigen Fokus der öffentlichen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zu sein, und deswegen benutzte ich die exklusive Möglichkeit, für ein paar Minuten ohne das Risiko von Widerworten eigene Beobachtungen vortragen zu können und Sie auf dieses Thema ausdrücklich aufmerksam zu machen. Zu den keineswegs banalen Wirkungen dieser veränderten Medienlandschaft gehört, dass sich die Wettbewerbsbedingungen unter den Medien mit der Dominanz des Internet und der digitalen Verfügbarkeit von Daten, Zahlen, Fakten grundlegend verändert hat. Die Zeiten, in denen die Printmedien die Wettbewerbsbedingungen für den Rest bestimmt haben, sind längst vorbei und natürlich sind die Relationen längst umgekehrt, sind es die digitalen Medien, die die Wettbewerbsbedingungen des Restes bestimmen, bis hin zur Themenfindung, der Aufmachung von Artikeln für Tageszeitungen oder Wochenzeitungen, bei denen immer häufiger schon die Anzahl der Klicks, die sich auf Internetseiten finden und statistisch nachweisen lässt, als vermeintlicher Relevanz-Nachweis für die Bedeutung, wenigstens die Aktualität von Sachverhalten und Informationen benutzt wird. Ich will einen zugegebenermaßen etwas zugespitzt formulierten Befund vortragen, der mir als beinahe direkte Folge dieser veränderten Wettbewerbsbedingungen besonders auffällig erscheint und den ich ausdrücklich nicht für eine Errungenschaft halte. Die Dominanz der digital verfügbaren Sachverhalte, Medien und Anknüpfungspunkte im weitesten Sinne hat nach meinem Eindruck längst eine flächendeckende Wirkung quer durch das gesamte Mediensystem in der Weise erfahren, dass wir in einem zunehmenden Vorrang von Bildern gegenüber Texten zu tun haben, mit einer immer stärkeren Dominanz von Personen gegenüber Themen, mit dem immer höheren Gewicht von Überschriften gegenüber komplexen Sachverhalten, der Schlagzeilen vor den Analysen. Wir haben, und das ist fast eine unvermeidliche Folge dieses technisch revolutionären Prozesses, mit einem grausamen Vorrang der Schnelligkeit vor der Gründlichkeit in der Informationsvermittlung zu tun und einen geradezu deprimierenden Vorrang der Unterhaltung vor der Information. Wenn das nicht völlig frei erfunden ist und sozusagen die magische Verkennung einer viel komplexeren Wirklichkeit abbildet, dann fällt es auch Ihnen hoffentlich so schwer wie mir, diese neue Medienwirklichkeit für die schöne neue Welt zu halten. Denn was daran neu ist, ist nicht notwendigerweise schön. Aber da aus vielen grundsätzlichen und praktischen Aspekten unter allen denkbaren Optionen die am wenigsten wirklichkeitsnahe die Forderung nach dem Festhalten der alten vertrauten Medienwirklichkeit ist, empfiehlt es sich für alle Beteiligten, sich jedenfalls auf diese gründlich veränderten Rahmenbedingungen einzustellen, und dass das innerhalb des Mediensystems ohnehin erfolgt, ist nicht weiter erläuterungsbedürftig. Das gilt ebenso für die Politik – und mit Politik meine ich jetzt keineswegs nur handelnde Politiker oder Inhaber hoher und höchster öffentlicher Ämter, sondern Politik eher im Sinne des Selbstverständnisses einer Gesellschaft, die sich von Zeit zu Zeit über die Bedingungen verständigen sollte, unter denen sie funktioniert. Dass das dort noch nicht in hinreichenden Maße und schon gar nicht regelmäßig und gründlich reflektiert wird, halte ich jedenfalls für einen ziemlich naheliegenden Befund. Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, heute Abend nichts zu den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zu sagen und werde diese Absicht auch beinahe durchhalten. Aber einen Halbsatz müssen Sie mir gestatten, weil er, glaube ich, zur Beschreibung dieser Lage nicht nur passt, sondern gehört. Die erschreckende Dominanz von Talkshows auf allen deutschen Monitoren ist für mich so etwas wie die tägliche ultimative Demonstration dieses Vorrangs der Bilder, Personen, Schlagzeilen, Schnelligkeit, Unterhaltung. Und ich habe zugegebenermaßen etliche Jahre gebraucht, um die Weisheit einer Bemerkung von Neil Postman zu begreifen, die schon vor gut 25 Jahren in seinem Besteller „Wir amüsieren uns zu Tode“ formuliert worden ist. Nämlich die Weisheit des Satzes: „Das Problem des Fernsehens ist nicht, dass es zu viel Unterhaltung bringt. Das Problem des Fernsehens ist, das es aus allem und jedem Unterhaltung macht.“ Die Talkshows stehen heute an prominenten Zeiten im Abendprogramm - auch im Abendprogramm – dort, wo früher andere Formate sich um die sorgfältige Analyse komplexer Sachverhalte bemüht haben, um sich heute mit einem mehr oder weniger definierten Kreis der immer gleichen Personen in einer Weise über scheinbar gelegentlich relevante Sachverhalte zu beugen, bei denen das Format ausschließt, dass sie ernsthaft diskutiert werden können. Ich finde es schon einfach vom Zeitengagement oder Zeitmanagement betrachtet her bemerkenswert, dass die live übertragenen Debatten aus dem Deutschen Bundestag im Jahr 28 Stunden ausmachen, während die Talkshows, die im öffentliche-rechtlichen Fernsehen zu sehen sind, pro Woche 22 Stunden ausmachen und 1.000 Stunden im Jahr. Noch einmal: Das kann man auch für eine Errungenschaft halten, aber dass es nicht dasselbe ist, darauf wird man bitteschön aufmerksam machen dürfen. Nun darf ich Ihnen, wenn Sie noch gute fünf Minuten Geduld haben, noch etwas zum Verhältnis von Politikern und Journalisten sagen. Dass dies ein besonderes Verhältnis ist und man deswegen schon für Festreden das Thema besser vermeiden sollte, setze ich mal als naheliegend voraus. Es gibt eine Reihe von erkennbaren Unterschieden zwischen diesen beiden Berufen, aber auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Das gilt beispielsweise mit Blick auf das jeweils relativ ausgeprägte Selbstbewusstsein. Weder bei meinen Kollegen in der Politik noch bei den Journalisten treffe ich regelmäßig auf ausgeprägte Minderwertigkeitskomplexe. Beide, sowohl die Politiker wie auch Journalisten, scheinen gelegentlich von der Versuchung geplagt, sich für eine besondere Spezies der Menschheit zu halten, denen Dinge, die für den Rest der Menschheit gelten, nicht wirklich zugemutet werden können. Und zu den Gemeinsamkeiten gehört interessanterweise auch, dass beide einen relativ hohen Einfluss und einen relativ schlechten Ruf haben. In der letzten Allensbach-Statistik über Berufsreputationen in Deutschland führen die Journalisten das Schlussdrittel an, vor den Buchhändlern, den Politikern, den Bankern und jetzt kommt es: den Fernsehmoderatoren, die, warum auch immer, schon nicht mehr zu den Journalisten gezählt werden, sonst hätten sie von dem leicht besseren Ruf dieser größeren Gruppe ja profitieren können. Nun ist der Befund nicht nur amüsant. Ich will Ihnen darüber hinaus noch eine paar Befunde vortragen, die Hans Matthias Kepplinger vor einigen Jahren zusammengetragen hat, als er sich empirisch mit dem Spannungsverhältnis von Politikern und Journalisten auseinandergesetzt hat. Er kommt da unter anderem zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der Journalisten beklagt, es sei heute kaum noch möglich, etwas über die Ziele von Politikern zu erfahren, während umgekehrt fast die Hälfte der Politiker findet, es werde regelmäßig falsch berichtet. Dabei gehen jeweils 80 Prozent der befragten Journalisten und Politiker davon aus, dass die jeweils andere Gruppe ohnehin nur eigene Interessen verfolgt. Politiker verfolgen persönliche Interessen und Parteiinteressen, so die Auffassung der Journalisten, Journalisten hätten nur Auflage und Quote im Blick, so die Auffassung der Politik. Die Hälfte der Politiker, nach diesen Untersuchungen von Kepplinger, meint, Journalisten sei jedes Mittel recht. 48 Prozent der Journalisten, also wiederum fast präzise die gleiche Größenordnung, halten Politiker für skrupellos. Nun wird es für den einen und anderen Befund Anhaltspunkte geben. Trotzdem ist hier wie fast immer eine Verallgemeinerung fragwürdig, manchmal sogar falsch. Ich jedenfalls kenne einige Journalisten, denen zur Informationsbeschaffung nicht jedes Mittel recht ist. Und vielleicht kennt der eine oder andere Journalist sogar Politiker, die nicht skrupellos sind. Es könnte nicht schaden, wenn das gelegentlich auch deutlich wird, was aber mit dem jeweiligen Selbstverständnis offenkundig nur in Grenzen vereinbar ist. Das ist aber durchaus nicht nur ein bilaterales Problem, sondern es ist wieder ein gesellschaftspolitisch relevanter Befund, weil - schon gar in einer Gesellschaft, in der die Verfügbarkeit von Informationen so explosionsartig gewachsen ist, wie das für unsere zutrifft und deswegen das Risiko nie größer war als vorher, dass man den Wald inmitten der vielen Bäumen nicht mehr erkennt - die Wahrnehmung der Wirklichkeit eher noch mehr als früher von den Vermittlern geprägt wird. Und dabei habe ich noch gar nicht über ein anderes Thema, das ich vielleicht als Festrede für 70. oder 75. Geburtstag des Berliner Presseclubs anbieten würden, gesprochen, nämlich, dass sich ja die Indizien dafür mehren, dass ein immer größerer Teil in unserer Gesellschaft sich aufgemacht hat, die virtuelle Welt für die eigentliche reale zu halten. Das ist überhaupt nicht witzig, zumal in dem Maße, indem diese subjektive Verwechselung des Virtuellen und des Realen die Gesellschaft prägt, sich diese ganz sicher fundamental ändert. Was folgt daraus? Vieles. Sicher auch, dass Journalismus, kritischer Journalismus, analytischer Journalismus in Zeiten einer Medienrevolution des Ausmaßes, wie wir es gegenwärtig erleben, noch wichtiger geworden ist, als es immer schon der Fall war. Daher besteht mindestens kein Anlass zur Sorge, dass die Existenzberechtigung solcher Clubs wie diesem für die nächsten Jahre und Jahrzehnte als nicht gesichert erscheint. Deswegen verbinde ich meinen herzlichen Glückwunsch an Ihr stolzes Jubiläum mit der leisen Hoffnung, dass in den unendlich zahlreichen Hintergrundgesprächen, von denen bestenfalls bekannt wird, dass es diese gegeben haben soll, nicht aber, wer da mit wem über was geredet hat, auch die Themen gelegentlich einzeln und gemeinsam kritisch reflektiert werden, die ich heute Ihrer besonderen Aufmerksamkeit empfohlen habe.